Sebastian Scholz: Vision revisited. Die (Wieder)Entdeckung
Foucaults als 'Denker des Sichtbaren'
Gilles Deleuze bemerkt einmal treffend - und doch rezeptionsgeschichtlich
nahezu folgenlos: „Wenn man die Theorie der Sichtbarkeiten
vergisst, dann verstümmelt man die Vorstellung, die
Foucault sich von der Geschichte macht, aber man verstümmelt
auch sein Denken, die Vorstellung, die er sich vom Denken
macht.“, denn das Sichtbare ist, ebenso wie das Sagbare,
Gegenstand einer „Archäologie der Gegenwart“.
Die Folgenlosigkeit verwundert, wäre doch die konsequente
Weiterentwicklung zu einer 'Theorie der Sichtbarkeit' ein
potentieller Schlüssel zur Überwindung der Aporien
in den zeitgenössischen Bildwissenschaften und zugleich
ein wichtiger Beitrag zur Medien- und Wissenschaftstheorie
und -historiographie.
Analog zur Ordnung der Aussagen gilt, dass jede historische
Formation all das sieht und sichtbar macht, was sie gemäß
ihren Bedingungen der Sichtbarkeit zu sehen vermag
Folgt man der These, dass jede Wissensordnung bestimmte Darstellungsoptionen
ausbildet, die über Möglichkeit, Sichtbarkeit, Konsistenz
und Korrelation ihrer Gegenstände entscheiden, so wird
damit eine Perspektive auf Wissen eröffnet, die das Auftauchen
neuer Wissensobjekte und Erkenntnisbereiche mit den Formen
ihrer Darstellung korreliert.
Die Unterscheidung zweier heterogener Sphären - des Sichtbaren
und des Sagbaren - die aufeinander irreduzibel sind, entwickelt
Foucault zuerst am medizinischen Blick, sie ist auch in der
„Archäologie des Wissens“ angelegt, aber
nicht ausgeführt. „Überwachen und Strafen“
geht diesbezüglich einen Schritt weiter, indem dort eine
Ordnung des Sichtbaren explizit beschrieben wird. Gemeinsam
bilden Sichtbares und Sagbares Formationen, historisch veränderbare
„Schichten“, in denen sich Felder überlagern,
durchdringen und untrennbar voneinander koexistieren: Beide
Formen setzen sich wechselseitig voraus und bleiben dennoch
heterogen und irreduzibel auf einander. ‚Wissen’
wird im Zusammenspiel von Sagbarem und Sichtbarem erzeugt.
Was sich als Wissen aktualisiert, kann dies nur durch Spaltung
in diskursive und nicht-diskursive Formen, wobei beide in
Form der Disjunktion aufeinander bezogen sind. Notwendig ist
folglich die jeweilige Bestimmung des Sichtbaren und des Sagbaren
einer epistemischen Ordnung, die die Mentalitäten und
Ideen überschreitet, da sie diese allererst ermöglicht.
Über eine derartige Verweigerung der Naturalisierung
des Sichtbaren im Sinne Foucaults ließe sich die disjunktive
Verschränkungsbeziehung von Medien- und Wissenschaftshistoriographie
in produktiver Weise systematisch neu bestimmen.
Zur Person:
Sebastian Scholz, M.A.,
Studium der Film- und Fernsehwissenschaften, Theater- und
Literaturwissenschaft in Bochum. Abschluss mit einer Magisterarbeit
unter dem Titel: Bilder der Kontrollgesellschaft. Überlegungen
zum Verhältnis von Sichtbarkeit, Wissen, Evidenz und
bildlicher Repräsentation. Derzeit wissenschaftlicher
Mitarbeiter am Institut für Medienwissenschaft der
Ruhr-Universität Bochum. Arbeit an einer Dissertationsschrift
zur technischen (Re-) Produktion von Sichtbarkeit am Beispiel
von Visualisierungsstrategien in den Lebenswissenschaften
(Arbeitstitel: Im Laboratorium der Bilder). Mitorganisator
der interdisziplinären Tagung BildKontext. Zur medialen
Verfasstheit des Politischen Ende Mai in Mülheim an
der Ruhr (www.bildkontext.de). Arbeitsschwerpunkte: Zeitgenössische
Medientheorie und -philosophie, Geschichte und Theorie der
Bildwissenschaften, Politische Philosophie, Epistemologie
(natur-) wissenschaftlicher Sichtbarkeitsproduktion. Jüngste
Veröffentlichung: Hg. (mit R. Köhnen): Die Medialität
des Traumas. Eine Archäologie der Gegenwartskultur.
Ffm 2006 - darin: „Wonders of an Unseen World“:
Blickregime, pornographische Repräsentationsräume
und die Undarstellbarkeit weiblicher Lust, S. 249-276.
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